Zwischen Mythos und wissenschaftlicher Realität
Die Chronic Wasting Disease (CWD), oft auch als „Hirsch-Zombie-Krankheit“ bezeichnet, ist seit Jahrzehnten bekannt. In den letzten Wochen hat das Thema jedoch erneut deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen – sowohl in Fachkreisen als auch in der jagdlichen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit.
Auslöser sind neue Studienergebnisse sowie aktualisierte Bewertungen zur möglichen Zoonosefähigkeit von Prionenerkrankungen bei Hirschartigen. Besonders eine aktuelle Veröffentlichung in Science Advances (2026) hat die Diskussion erneut intensiviert.
In einem früheren Beitrag unserer Jagdschule wurde CWD bereits grundlegend beschrieben („Hirsch-Zombie-Krankheit“). Dort lag der Fokus auf der Biologie der Erkrankung und ihrer Ausbreitung. Dieser Artikel ergänzt diese Darstellung gezielt um den aktuellen Stand der Forschung zur entscheidenden Frage:
Kann CWD auf den Menschen übergehen?
CWD ist eine Prionenerkrankung bei Hirschartigen. Ausgelöst wird sie durch fehlgefaltete Proteine, sogenannte Prionen, die im Nervensystem eine zerstörerische Kettenreaktion auslösen.![]()
Wichtige Eigenschaften:
- immer tödlich für betroffene Wildtiere
- lange unbemerkte Inkubationszeit
- hohe Umweltstabilität der Erreger
- Übertragung über Körperflüssigkeiten und Umweltkontamination
Diese Kombination macht CWD besonders relevant für das Wildtiermanagement.
Science Studie 2026: Was wurde untersucht?
Eine aktuelle experimentelle Studie (Hannaoui et al., 2026) untersuchte die Übertragbarkeit von CWD-Prionen auf Primatenmodelle.
Versuchsanordnung:
- Infektion von Cynomolgus-Makaken (Rhesus-ähnliche Affen)
- Analyse von Geweben trotz fehlender oder nur schwacher klinischer Symptome
- Weiterübertragung auf weitere Tiermodelle (Mäuse und Wühlmäuse)
Ergebnisse:
- Die Primaten zeigten überwiegend keine klassischen Krankheitszeichen
- Dennoch konnten Prionen in empfindlichen Nachweisverfahren in Geweben detektiert werden
- Diese Gewebe waren in Folgeexperimenten weiter infektiös
Kernaussage der Autoren:
CWD-Prionen können möglicherweise eine subklinische (nicht offensichtlich krank machende) Infektion in Primaten verursachen, bei gleichzeitig erhaltener Übertragbarkeit in nachgeschalteten Modellen.
Was bedeutet das für die Frage der Übertragbarkeit auf den Menschen?
Die wichtigste Einordnung vorweg: Es gibt weiterhin keinen bestätigten Fall einer CWD-Infektion beim Menschen. Das bleibt der zentrale, stabile Befund aus Jahrzehnten Beobachtung in Nordamerika und Europa.
Bisher ging man davon aus, dass zwischen Hirsch-Prionen und menschlichen Prionproteinen eine relativ stabile Artbarriere besteht.
Diese beruht auf strukturellen Unterschieden der Prionproteine, geringer molekularer Kompatibilität und ineffizienter „Fehlfaltungs-Übertragung“.
Durch die neue Studienlage ist diese Barriere nicht als ganz absolut einzuordnen. CWD ist nach wie vor keine klassische Erkrankung bei Primaten, diese wurden hier aber nachweisbar infiziert (wenn auch asymptomatisch). Dies führt zu der Vermutung das es möglicherweise atypische Verläufe und/oder “stille” Varianten gibt, die im Tiermodell artspezifische Barrieren überwinden könnten.
Einordnung im Kontext anderer aktueller Forschung
Aktuelle Studien lassen weiterhin keine epidemiologischen Hinweise auf menschliche Erkrankungen erkennen. Dennoch ergibt sich insgesamt ein Spannungsfeld, denn biologisch ist es nicht ausgeschlossen, wenn auch bisher nicht belegt.
Welche Bedeutung hat es für die Jagdpraxis?
Der Umgang bleibt – nach wie vor – klar strukturiert. Eine saubere Wildbrethygiene ist unabhängig von potentiellen Erregern das A und O. Hier im Fall der CWD bleiben vier Bereiche als risikoreich hinsichtlich des möglichen Vorkommens von Prionen: Gehirn, Rückenmark, Augen und Lymphgewebe.
Praktische ergibt sich daraus nur eine erhöhte Aufmerksamkeit beim Umgang mit Wildbret. Konsequente Hygienemaßnahmen beim Aufbrechen, Vermeidung von Kontamination des essbaren Wildbrets, Schutzkleidung und Einmalhandschuhe und natürlich Beachtung internationaler Vorschriften in Risikogebieten.
Europa und Deutschland: aktuelle Lage
Trotz intensiver Überwachung gilt weiterhin in Deutschland kein Nachweis von CWD, in Skandinavien einzelne bestätigte Fälle und EU-weit ein verstärktes Monitoring und Forschung.
Zusammenfassend bleibt zu sagen das die Chronic Wasting Disease weiterhin eine hohe Relevanz für Wildtierpopulationen hat, es dennoch bisher keine bestätigte Übertragung auf den Menschen gegeben hat, die Situation aber komplexer zu sein scheint als bisher angenommen da es möglichweise ein potential zur Zoonose haben könnte.
Das Thema bleibt also nach wie vor relevant und wird sicher in Zukunft vermehrt in den Fokus der Forschung rücken, allein aus prophylaktischer Sicht. Entscheidend für den Anwender bleibt eine saubere Wildbrethygiene, keine Dramatisierung sondern sachliche Risikobewertung der Lage.
Hinweis
Grundlegende Informationen zur Erkrankung selbst finden sich im früheren Beitrag zur „Hirsch-Zombie-Krankheit“.
Quelle:
D I S E A S E S A N D D I S O R D E R S, Limited transmission of cervid prions to nonhumanprimates provides insights into the zoonotic potentialof chronic wasting disease; Samia Hannaoui, Sandra Pritzkow, Wiebke M. Jürgens-Wemheuer, Dirk Motzkus, Joo- Hee Wälzlein, Karla A. Schwenke , Yo-Ching Cheng, Hanaa Ahmed Hassan, Irina Zemlyankina, Kylee Drever, Michael Beekes, Walter J. Schulz-Schaeffer,Christiane Stahl- Hennig, Sabine Gilch, Claudio Soto, Stefanie Czub, Hermann M. Schätz, Publisher American Association for the Advancement of Science; eISSN2375-2548; Received August 25, 2025; Accepted April 23, 2026; Published in issue May 29, 2026; eLocator eaeb7613







